Morgenrituale

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Selbsthilfe ist der heiße Scheiß. Selbstliebe auch. Wir sind scheinbar alle so “mindful” und dennoch werden wir zum größten Teil von der Sorge um Morgen oder dem schlechten Gewissen wegen Gestern durchs Leben getrieben.

Egal wo du hinschaust du wirst erschlagen von Ratgebern wie du zum Frühaufsteher wirst, welche fünf Dinge du unbedingt heute noch tun musst um endlich mit deiner “Aufschieberitis” oder besser Prokrastination (klingt professioneller) aufzuhören, Zehn Tipps für mehr Flow beim Kacken.

Es ist nicht nur die Online-Welt die mit gut gemeinten und dennoch meist leeren Versprechungen um unsere Aufmerksamkeit buhlt. Geh mal in einen Zeitschriftenladen am Bahnhof. Information-Overload at it‚s best. Doch es ist nicht nur das Überangebot, das einen in die Verzweiflung treiben kann, sodass man sich einfach gegen eine Entscheidung entscheidet und lieber seinen Facebook-Feed während der Zugfahrt sinnfrei durchscrollt. Es ist ein zu viel an Informationen und zu wenig an Inhalten. Wir bezeichnen dieses Informations-Fast-Food auch noch als “Content”.

Im Selbsthilfe Berich wirst du erschlagen von Prinzipien, Regeln und Methoden die dir alle suggerieren, dass dein Leben noch nicht optimal oder effizient genug läuft.

Wir haben das 7-Minuten Workout, die Zwei-Minuten-Regel, Die 4-Stunden-Woche, das Powernapping, Speed Reading und Speed Dating, die Pomodoro-Technik, die Vier-Felder-Entscheidungs-Matrix, Kanban-Boards, Kaizen-Konzept und Ikigai-Philosophie (Konzepte aus Japan funktionieren hier im Westen wohl besonders gut, exotisch genug um Neugier zu wecken und gleichzeitig uns aber auch nicht zu fremd, so müssen wir uns mental nicht zu sehr bewegen).

Eine Lawine von Ratgebern, Anleitungen, Lifehacks, Motivationsvideos, Memes, und „Fühl-Dich-Gut„-Botschaften.

“Du bist gut so, wie du bist”, “Du bist ein besonderes Schneeflöckchen”, “Genieße jeden Tag”. Das ist die vermittelte Botschaft auf der einen Seite.

Gleichzeitig scheinst du aber alles falsch zu machen, denn irgendjemand hat immer einen Tipp, einen Ratschlag, einen Hack parat wie du alles besser machen kannst. Deinen Koffer packen, deine Schnürsenkel binden und Morgens aufstehen.

Das sind meine liebsten Artikel: “37 Morgenroutinen für einen erfolgreichen Start in den Tag!” Wenn ich das alles befolgen würde, müsste ich wahrscheinlich schon wieder schlafen gehen, bevor ich fertig wäre.

Dir wird suggeriert, das Kopieren des Verhaltens erfolgreicher Menschen, führt zum eignen Erfolg.

Aber denk noch mal drüber nach. Wäre es nicht sinnvoller das Verhalten zu kopieren, welches erst zu dem Erfolg geführt hat, anstatt des Verhaltens, welches sich erst nach dem sogennanten Erfolg etabliert hat?

Hast du mit einer 40–50 Stunden Arbeitswoche (ohne Fahrzeit) wirklich die Freiheit morgens erst mal eine Stunde zu meditieren, deinen Trainingsplan zu absolvieren, ein Tagebuch oder Dankbarkeitsbuch zu führen und was sonst noch alles vorgeschlagen wird?

Ich denke zwar, dass wir alle mehr Zeit haben als wir glauben. Vor allem wenn wir Sinnlosigkeiten wie Fernsehen und ähnliches eliminieren. Aber dennoch sollten wir nicht Jacken mit Hosen vergleichen. Du kannst genauso wenig auf Dauer erfolgreich den Trainingsplan eines zwanzigjährigen Profisportlers durchziehen, wie du den Tagesablauf eines Elon Musk oder Konsorten kopieren kannst.

Hier ist mein Morgenritual, ich nenne es “die K3-Express-Start-Formel für ein glückliches, zufriedenes und erfolgreiches Leben”: Kaffee, Kippe, Kacken.

Das Perverse an dieser Situation ist doch, es sind ja gute Sachen dabei. Es gibt hilfreiche Tipps und Ratschläge und das Netz ermöglicht es uns diese schnell zu verbreiten, sodass viele Menschen schnell davon profitieren könnten. Könnten.

Millionen von Menschen ziehen sich das alles jeden Tag rein. Und doch, es scheint sich nichts zu verändern, im Gegenteil. Die Depression grassiert, Burnout ist schon ein Ritterschlag der Workaholics (und letzten Endes klingt es nur besser als Depression). Jeder ist unzufrieden und wenn wir ehrlich sind zumeist mit sich selbst. Viele von uns durchleben ihre 20er, 30er, 40er und fühlen sich als wären sie nur Zuschauer ihres eigenen Lebens.

Diese Beiträge, Bücher, Videos, Memes suggerieren dir, indirekt, dass du nur zu faul bist. Dass du nicht den nötigen Willen oder die Stärke hast. Denn schau her, hier ist der Masterplan, kopier ihn und du wirst erreichen, was immer du willst. Du kopierst ihn. Erreichst nichts. Was denkst du also über dich? Fühlst du dich jetzt stark und selbstbewusst? Und das immer und immer wieder. Also suchst du weiter. Hier ein drei Tages-Webinar für schlappe 2000,- Tacken. Dort ein neues Buch, das den geheimen Code zu Wasauchimmer geknackt hat. Hier wird dir wieder und wieder der gleiche Scheiß mit anderen Worten serviert.

In dieser ganzen Zeit, in der du nach Abkürzungen gesucht hast, hättest du einfach nur du selbst sein können. Und wirklich etwas tun, erleben, probieren, scheitern, nochmal scheitern und nochmal scheitern. Aber allen voran wieder aufstehen und weiter machen. Jedes Mal. Denn die Erfahrung des Scheiterns ist wichtig, sie zeigt uns, dass wir nicht aus Zucker sind und das es immer weitergeht. Solange zumindest, wie du dich selber nicht aufgibst. Nur daran zu glauben, dass du etwas schaffen kannst, bedeutet nicht, dass du es auch schaffen wirst. Doch sobald du nicht mehr daran glaubst es schaffen zu können, hast du auch keine Chance mehr dazu.

Du brauchst diesen ganzen motivierenden Kram nicht. Wenn wir ehrlich sind, brauchst du auch diesen Artikel nicht. Aber du willst es. Denn darüber zu lesen ist immer noch leichter als es zu tun. Und es fühlt sich auch schon ein bisschen so an, als hätten wir etwas getan oder zumindest versucht.

Wir betrachten “erfolgreiche” Menschen als Vorbilder, wollen sein wie sie. Wir versuchen sie zu kopieren, fangen irgendetwas an, stellen fest, dass es anstrengend ist und anstatt weiter zu machen und mit der Anstrengung zu wachsen auch mal auf die Fresse zu fliegen, ziehen wir uns lieber wieder zurück, wir sind ja gut so, wie wir sind. Wir wunderschönen Schneeflöckchen, wir. Aber gleichzeitig erwarten wir mehr von unserem Leben. Wir denken, es gibt da ein Geheimnis, eine Abkürzung eine kleine Information, die uns noch fehlt, damit auch wir so sein können, wie wir unsere Vorbilder wahrnehmen.

Es gibt da kein Geheimnis und wir werden nie so sein wie jemand anderes.

Du musst die nötige Arbeit investieren und du musst auch Glück haben. Wenn wir alle so sein könnten wie unsere Vorbilder, wer wären dann unsere Vorbilder?

Ist es nicht spannender herauszufinden, was in dir steckt, anstatt zu versuchen jemand anderes zu sein?

Was hält uns davon ab? Sind wir einfach nur zu faul, zu dumm, zu träge?

ANGST

Angst ist das eigentliche Thema. Angst ist, was uns zurückhält, nicht Faulheit.

Angst ist nicht immer dieser Hormonschub, der dich gefrieren lässt und dir das Eis den Rücken runterlaufen lässt. Angst, das sind nicht immer deine schwitzenden Hände, dein starrer Blick und der Kloß im Hals.

Oberflächlich betrachtet sieht Angst aus wie Faulheit.

Unsere Ängste sind es, die uns sabotieren. Wenn du wirklich faul wärst, glaubst du, du würdest dann wirklich versuchen dich zu verändern oder zu “verbessern”? Wärst du wirklich auf der Suche nach Motivation, wenn du faul wärst?

Gefühlt ist es zu 90 % Angst, die uns zurückhält, das zu tun was wir tun wollen. Und gefühlt wird es von 90 % Prozent der Menschen als Faulheit verstanden, auch und insbesondere im Hinblick auf sich selbst.

Wir machen unsere Ängste unsichtbar, wir organisieren unsere Leben so weit um die Ängste herum, dass wir sie gar nicht mehr wahrnehmen und rückblickend als Faulheit missdeuten.

Gehst du mit deinen Vorgesetzten anders um, als mit deinen Kollegen? Verbringst du den Abend lieber vor der Glotze oder mit Zocken oder mit Wichsen als an deinen Herzensprojekten zu arbeiten, für die du ja nie Zeit hast? Kannst du einen ganzen Ausgeh-Abend damit verbringen Belanglosigkeiten mit Menschen auszutauschen, die dich nicht interessieren, anstatt dein aktuelles Buch fertig zu lesen, Gitarre zu üben oder endlich Programmieren zu lernen? Das ist alles Angst, nicht Faulheit. Wir sagen zu uns selber: Ich habe doch alles was ich brauche, ohne es wirklich zu meinen. Es führt dazu, dass sich Menschen mit Mitte zwanzig in Jobs wiederfinden, die sie hassen, sie aber nicht verlassen. Aus Angst vor Veränderung verbringen wir lieber ein Leben in Frust und schlimmstenfalls in Hass.

Wir verbringen den Großteil unserer wachen Zeit auf Arbeit. Rechne noch den Arbeitsweg dazu. Den restlichen Teil verbringen wir zum Großteil mit Sorgen um diese Arbeit. Die Menschen kämpfen sich von Feierabend zu Feierabend, Wochenende zu Wochenende und Urlaub zu Urlaub durch. (Nicht alle, sicher nicht. Aber sprich mal mit hundert Leuten über ihre Arbeit und hör ihnen genau zu, achte auf die Wortwahl und die Geschichten zwischen den Zeilen und du wirst überrascht sein wie viele Menschen ihre Arbeit zumindest nicht mögen. Ich mache gerne den Lotto-Test: Wenn du im Lotto gewinnen oder sonstwie an genug Geld kommen würdest, dass du nie wieder arbeiten müsstest, würdest du dann deine jetzige Arbeit in der jetzigen Form weitermachen? Ist die Antwort nicht „Ja!„, was hält dich davon ab darauf hin zu arbeiten deine Situation in die Richtung zu verändern, wie du sie haben willst? Wollen wir uns nicht alle ein Leben erschaffen, von dem wir keinen Urlaub brauchen?)

Angst bringt uns dazu einem Idioten etwas länger zuzuhören, als wir es wirklich ertragen können. Sie bringt uns dazu einem Arschloch gegenüber etwas freundlicher zu sein, als wir wirklich wollen. Sachen etwas zu lange zu dulden, die uns fertig machen. Angst bringt uns dazu Sachen zu kaufen, die wir nicht brauchen. Dinge zu tun, die wir nicht wollen. In Jobs zu bleiben, die wir verachten.

Diese Angst ist komplett unreal. Wovor haben wir denn Angst? Keiner von uns kommt hier lebend raus. Warum behandeln wir unser Leben dann wie ein Andenken?

Wir fühlen uns hilflos, sehen selten die ganze Geschichte und ziehen oft die falschen Schlüsse. Wir arbeiten oft selber gegen uns und merken gar nicht, was wir alles direkt vor unserer Nase haben.

HILFLOS

Wenn man immer wieder die Erfahrung macht, dass das eigene Handeln nichts bewirkt, lernt man hilflos zu sein und ist am Ende nicht in der Lage auch einen vorhandenen Ausweg mehr zu erkennen.

Der Begriff der erlernten Hilflosigkeit geht auf eine Untersuchung an Hunden von 1965 von Martin Seligman zurück. In einem aus heutiger Sicht heftigen Experiment untersuchte Seligman das Lernverhalten von Hunden unter unterschiedlichen Bedingungen.

Die Hunde wurden in eine Box gesperrt. In dieser bekamen sie Stromstöße. Dabei wurden die Hunde in drei unterschiedliche Gruppen eingeteilt.

  • Gruppe 1 konnte die Stromstöße durch Betätigung eines Hebels abschalten.
  • Gruppe 2 bekam die Stromstöße und konnte nichts dagegen tun.
  • Gruppe 3 wurde nur in die gleiche Box gesperrt, ohne Stromstöße zu erhalten.

Nach dieser ersten Konditionierung wurden die Hunde in eine neue Box gesteckt. Diese bestand aus zwei Boxen gleicher Größe, die über einen kleinen Durchgang miteinander verbunden waren. Die Stromstöße kamen nun entweder aus der einen oder der anderen Box.

Die Hunde aus der ersten Gruppe lernten schnell den Durchgang zu benutzen und so den Stromstößen zu entkommen oder schon von vornherein zu vermeiden. Die Hunde aus der zweiten Gruppe blieben oft lethargisch in ihrer Box liegen und ließen die Stromstöße einfach über sich ergehen, trotz dessen, dass der Fluchtweg die ganze Zeit da und offen war. Die dritte Gruppe lernte ebenfalls den Stromstößen durch einen Wechsel der Box auszuweichen, auch wenn etwas langsamer als die erste Gruppe.

Wir benehmen uns oft wie die Hunde aus der zweiten Gruppe. Wenn wir im Lauf unseres Lebens herbe Verluste einstecken, zerschmetternde Niederlagen erleben mussten oder Opfer von Missbrauch wurden, lernten wir im Verlauf, dass es kein Entkommen gibt und wenn sich dann endlich ein Ausweg auftut, nutzen wir diesen nicht. Wir werden zu Nihilisten die der Sinnlosigkeit mehr vertrauen als dem Optimismus.

Gehst du Wählen? Nein? Weil du glaubst, dass das nichts bringt oder die Politiker doch alle gleich sind oder deine Stimme nicht zählt? Erlernte Hilflosigkeit. Glaubst du, dass du Mathe nie verstehen wirst, egal wie viel du lernst? Erlernte Hilflosigkeit.

Jede längere Zeit verbracht in negativen Gefühlen kann dazu führen, dass du dich der Verzweiflung ergibst und dein Schicksal akzeptierst. Kontrollverlust und fehlende Selbstwirksamkeitserfahrungen führen in diesen Zustand.

Wenn du in der Lage bist kleinere Aufgaben erfolgreich zu meistern, erscheinen auch die großen machbar. Wenn hingegen selbst die kleinen Aufgaben nicht zu bewältigen sind, erscheint alles viel schwieriger.

Also fang mit den kleinen oder ganz kleinen Sachen an. Erschaffe dir kleine Erfolgserlebnisse. Führ sie konsequent durch. Konsistenz schlägt Motivation.

Ein kleines Beispiel gefällig? Mach dein Bett. Ernsthaft. Es klingt zunächst nach den alten Kindheitstagen, in denen die Mutter einen ständig dazu ermahnt hat sein Bett zu machen. Sinnlos. Abends gehe ich doch eh wieder ins Bett, wozu also der Aufriss?

Jennifer Dukes Lee war da nicht anders. Als sie zu Hause ausgezogen war, war sie der Tyrannei des täglichen Bettmachens entkommen. Bis in ihre 40er hat sie ihr Bett nicht gemacht. Außer natürlich, wenn Besuch, vor allem von der Mama, zu erwarten war.

Doch an einem Tag beschloss sie wieder ihr Bett zu machen. Nicht für jemand anderes. Sie schreibt, sie hatte ein gutes Gefühl dabei. So machte sie auch die nächsten Tage ihr Bett, um dieses Gefühl immer wieder zu erreichen. Am vierten Tag passierte etwas Neues, eine herumliegende Socke wurde aufgehoben, herumliegende Kleidung wurde zusammengelegt. Im nächsten Moment war sie in der Küche und räumte ihr Geschirr in die Spülmaschine, organisierte ihr Tupperware-Regal, zündete ein paar Kerzen an. Das Ganze hat keine 15 Minuten gebraucht.

Eine Kleinigkeit wie das Bett machen, hat eine Kette von Verhaltensänderungen in Gang gesetzt.

Erfolgserlebnisse, und wenn sie noch so klein sind, zeigen uns, dass wir etwas machen, erreichen, verändern können und nicht Opfer der Umstände oder von sonst was sind. Ehe man sich versieht werden aus den kleinen immer größere Erfolgserlebnisse.

Wenn du aber aus einem riesigen Motivationsschub heraus deine ganze Bude auf den Kopf stellst, wirst du oft feststellen, dass nach drei Monaten, alles wieder so ist, wie es auch vorher war. Große Veränderungen fangen immer im Kleinen an.

ALLES IM GLEICHGEWICHT

Veränderungen, die einfach so passieren, passieren schleichend. Du merkst nicht, wie du Gramm um Gramm immer mehr zu nimmst, bis es irgendwann halt mal ein paar Kilo mehr sind, als du dir wünschst. Oder wie deine Ausdauer immer weiter abnimmt, bis du mal nach Luft schnappend im Treppenhaus eine Pause einlegen musst.

Das bedeutet aber auch Veränderungen, die wir selber herbeiführen wollen, sollten wir ebenfalls schleichend einführen.

Man verändert sein Leben nicht, indem man alles auf einmal auf den Kopf stellt.

Der Mythos des Über-Nacht-Erfolges hat eine starke Anziehungskraft. Solche Geschichten lesen und hören wir gerne. Sie geben uns das Gefühl, dass auch wir über Nacht großes erreichen können.

Doch die Realität ist anders und der Über-Nacht-Erfolg hat oft eine Jahre, wenn nicht Jahrzehnte lange Vorgeschichte, die eben kaum einer hört oder überhaupt hören will.

So eifern wir dem Mythos hinterher und landen doch immer wieder auf unserem Ausgangspunkt.

Warum ist das so?

Das Leben als solches, neigt dazu einen Gleichgewichtszustand herzustellen und aufrechtzuerhalten. Dabei ist Gleichgewicht erst einmal völlig wertfrei, nicht gut und nicht schlecht. Das ist eine Interpretation, die je nach Situation und Blickwinkel völlig unterschiedlich ausfallen kann.

In der Biologie wird dieses Gleichgewicht als Homöostase bezeichnet. Wir finden diese Tendenz zur Aufrechterhaltung des, wie auch immer gearteten Gleichgewichts, in vielen Bereichen. Soziologie, Wirtschaftswissenschaften, Psychologie, Chemie, Ökologie usw.

Zum Beispiel hat dein Körper hunderte von Feedback-Schleifen um Blutdruck, Körpertemperatur, Blutzucker, den Energiehaushalt und so weiter zu regulieren und im Gleichgewicht zu halten.

Es ist ein grundlegendes Prinzip: Offene dynamische Systeme entwickeln intern regelnde Prozesse, um einen Gleichgewichtszustand aufrechtzuerhalten.

Unser Alltag und unser Leben ist in diesem Sinne ein offenes und wirklich dynamisches System. Im Laufe der Zeit entwickeln wir Verhaltensmuster:

  • wie oft wir trainieren oder nicht,
  • unseren Haushalt machen oder nicht,
  • wie oft wir unsere Eltern anrufen oder eben nicht

Das und alles dazwischen pendelt sich irgendwann in einen, unseren, Gleichgewichtszustand ein. Sozusagen unsere Alltagshomöostase.

Versuchen wir dieses Gleichgewicht zu stören werden wir auf Widerstand treffen. Dieser Widerstand steigt proportional zur Geschwindigkeit und zum Ausmaß der Veränderung. Unabhängig davon, ob die Veränderung an sich positiv oder negativ ist.

Jeder, der den Versuch unternommen hat, große Veränderungen in seinem Leben durchzuführen kennt das. Du beginnst endlich auf deine Ernährung zu achten nur, um festzustellen, wie dein Umfeld deine Maßnahmen unterwandert. Du nimmst dir vor, jeden Abend laufen zu gehen und prompt kommt dir ständig etwas dazwischen, Überstunden, spontane Einladungen usw.

Die Kräfte in unserem Leben, die den aktuellen Gleichgewichtszustand erschaffen haben, werden uns wieder in dieses Gleichgewicht zurückziehen.

Wenn wir also dauerhafte Veränderungen anstreben, sollten wir dafür sorgen, dass der Widerstand eben möglichst gering ist. Das schaffen wir in dem wir uns auf kleine Fortschritte konzentrieren, das System also nur ein klein wenig aus dem Gleichgewicht bringen.

So bleibt auch der Widerstand gering und pendelt sich nach einer Weile in einem neuen Gleichgewicht ein.

Daher ist der beste Weg einen neuen Gleichgewichtszustand zu erreichen nicht über radikale Veränderungen, sondern über kleine Erfolge. Jeden Tag.

Das ist das paradoxe an Verhaltensänderungen. Versuchst du dein ganzes Leben auf einmal zu verändern, landest du schnell wieder in deinen alten Verhaltensmustern. Konzentrierst du dich jedoch darauf deinen normalen Alltag immer nur ein Stückchen zu verändern, wirst du feststellen, dass dein Leben sich wie selbstverständlich verändert, fast nebenbei.

Wie verspeist man einen Elefanten? Bissen für Bissen.

FEHLER DER ÜBERLEBENDEN

Wir schauen gern auf die anderen, vor allem, die, die wir als erfolgreich ansehen. Versuchen sie zu kopieren. So entstehen die Geschichten vom Über-Nacht-Erfolg. Wir sehen nicht die Vorgeschichte oder das was hinter den Kulissen abläuft. Denn bis zum „Erfolg„ haben wir diese Menschen nicht wahrgenommen.

Sie sind sozusagen die Gewinner in Bezug auf unsere Aufmerksamkeit. Die Verlierer oder Noch-Nicht-Gewinner laufen unter unserem Radar.

Das was wir nicht sehen, sehen wir nicht. Das bedeutet wir bemerken noch nicht mal, dass uns etwas entgeht und so ziehen wir unsere Schlüsse aus gefilterten Informationen. Wir betrachten nur die Spitze des Eisbergs.

Solche Wahrnehmungsverzerrungen werden als Bias bezeichnet. Eine der häufigsten und am schwersten wahrzunehmende Verzerrung ist der sogenannte „Survivorship Bias„.

Wir betrachten also nur die „Überlebenden„ oder eben Gewinner und vergessen dabei den Rest.

Wir konzentrieren uns auf erfolgreiches in der Hoffnung selber erfolgreich zu werden. Doch wenn der Misserfolg unsichtbar wird, wird auch der Unterschied zwischen Erfolg und Misserfolg unsichtbar.

Relevant xkcd

Die Geschichte um die Entdeckung oder Bewusstwerdung dieser Wahrnehmungsverzerrung spielt sich im Zweiten Weltkrieg ab.

Eines der Hauptprobleme der Alliierten war ihre Flugzeuge in der Luft zu halten, heißt sie nicht abschießen zu lassen. Eine stärkere Panzerung musste also her. Doch du kannst ein Flugzeug nicht komplett Panzern lassen, wenn du willst das es auch weiterhin fliegen kann. Also analysierten sie die Stellen der Einschusslöcher zurückkehrender Flugzeuge. Mit dem Ziel, die Stellen ausfindig zu machen, die mehr Panzerung brauchten.

Sie untersuchten also die Bereiche mit den Einschusslöcher und werteten aus, in welchen Bereichen der Flugzeuge die meisten Einschusslöcher zu finden waren.

Welche Teile des Flugzeuges würdest du jetzt intuitiv mehr Panzern lassen?

Die meisten Menschen wollen natürlich die Bereiche besser schützen, die am meisten Schaden abbekommen haben. Die Militärs dachten da nicht anders.

Abraham Wald ein brillanter Statistiker, der als Berater für das US-Militär arbeitete erkannte den Denkfehler.

Denn sie betrachteten ja die Flugzeuge, die zurückgekehrt waren. Das heißt, diese Einschusslöcher waren nicht dramatisch genug, um sie zum Absturz zu bringen. Man sollte also die Stellen besser Panzern, die keine Einschusslöcher aufwiesen. Die Wahrscheinlichkeit, dass Treffer in diesen Bereichen die Flugzeuge haben abstürzen lassen war viel größer.

Das ist der Survirorship Bias. Kurz zusammengefasst, immer wenn eine Situation eine Art von Überlebender produziert, verschwinden die nicht Überlebenden von deinem Radar, werden Unsichtbar. Und wir konzentrieren uns auf das was wir vor uns sehen, die Überlebenden. Das Schwierige daran ist nicht nur, dass die fehlenden Informationen wichtig sein könnten, sondern dass wir gar nicht erst erkennen, dass überhaupt Informationen fehlen.

Das ist sicherlich einer der am schwierigsten zu erkennende Fehlschluss.

Jedes Mal, wenn ein Thema in Gewinner und Verlierer, Überlebende und Nicht-Überlebende, Erfolg und Misserfolg eingeteilt werden kann und wir unseren Blick nur auf eine Seite der Gleichung richten, lassen wir immer die andere komplett außen vor.

Denk das nächste Mal daran, wenn du in einer Altstadt unterwegs bist oder dir alte Kirchen, Kathedralen, Dome anschaust. Oft kommt dabei der Gedanke: “Mann! Früher, da konnten die bauen! Schau dir das an, das ist soundsoviele hundert Jahre alt und es steht immer noch. Und was bauen wir heute? Alles verkommt in ein paar wenigen Jahrzehnten.” oder so ähnlich.

Doch auch hier betrachtest du nur die “Überlebenden” Bauten. Alle anderen sind verschwunden, weil sie eben nicht so großartig gebaut wurden.

Ein weiteres alltägliches Beispiel für den Überlebens-Fehlschluss ist der Mythos vom Über-Nacht-Erfolg, über den wir schon gesprochen haben.

Wir sind blind für das was wir nicht sehen. Wir sind in unserem Alltag miese Statistiker. Erfolgreiche Leute zu fragen wie sie erfolgreich geworden sind, ist relativ unfruchtbar, weil die meisten es gar nicht wirklich wissen. Wenn man den Weg zum Erfolg untersucht ist immer eine große Portion Glück dabei.

Und nur in der Rückblende kann man die einzelnen Punkte miteinander verbinden und sehen, wie das eine zum anderen geführt hat. Man kann es aber nicht replizieren. Die wichtigere Frage wäre: zu dem Zeitpunkt der Entscheidungen, klang da die Entscheidung vernünftig? Hätte man vorhersehen können wozu das führen wird?

GLÜCK IST NICHT NUR GLÜCKSSACHE

Glück, das immer eine Rolle spielt, ist keine magische Kraft, die in unser Leben eingreift. Glück ist vielmehr die Folge unserer Wahrnehmung der Welt um uns herum.

Wenn du nur nach einer bestimmten Sache suchst, wirst du alles andere nicht mehr sehen können. Die Konzentration auf eine Aufgabe kann uns blind machen für alle anderen Reize, die wir sonst ohne Probleme wahrnehmen würden.

Auch hier mal ein schönes Experiment zur Verdeutlichung.

Richard Wiseman suchte nach Menschen, die von sich selber behaupteten besonders viel Glück oder gar kein Glück im Leben zu haben.

Er wollte die Unterschiede zwischen den Glückskeksen und Pechvögeln untersuchen. In einem seiner Versuche gab er beiden Gruppen eine Zeitung mit der Bitte die Fotografien in dieser zu zählen.

Diejenigen, die von sich selber dachten eher wenig oder gar kein Glück im Leben zu haben brauchten für diese Aufgabe ca. 2 min. Während die Menschen, die von sich dachten, viel Glück im Leben zu haben innerhalb von Sekunden fertig waren.

Wie kommt das? Auf der zweiten Seite stand eine halbseitige Anzeige in großen Lettern: „Hör auf zu zählen. Es sind 43 Fotografien in dieser Zeitung.„ Eine Anzeige, die jedem sofort ins Auge sticht. Und dennoch übersahen die Unglücksraben diese. Sie waren so sehr damit beschäftigt die Bilder zu zählen, dass sie alles andere einfach nicht mehr wahrnahmen.

Auf der Hälfte der Zeitung platzierte Wiseman noch eine zweite Anzeige in demselben Format, diese besagte: „Hör auf zu zählen. Sag dem Versuchsleiter, du hast diese Anzeige gesehen und gewinne 250 $„. Wieder wurde diese Anzeige von den Unglücksraben übersehen.

Je fokussierter wir auf eine Sache, ein von uns gewünschtes Ergebnis sind, desto weniger nehmen wir alternative Wege und andere Möglichkeiten wahr.

Du gehst auf eine Party mit dem Ziel deinen Lebenspartner zu finden und verpasst die Gelegenheit neue Freundschaften zu schließen. Du durchsuchst die Stellenanzeigen nach einer bestimmten Stelle und übersiehst andere Möglichkeiten, die sich auftun könnten.

Glückskekse sind offener und entspannter und so viel mehr in der Lage das zu sehen, was da ist anstatt nur das, wonach sie Ausschau halten.

“Wir können gegenüber dem Offensichtlichen blind sein und wir sind darüber hinaus blind für unsere Blindheit”

(Kahneman, Schnelles Denken, langsames Denken)

Glück ist keine magische Kraft. Wir können Glück auch nicht erzwingen, aber wir können uns für glückliche Zufälle öffnen.

Wir können uns diesen Zufällen öffnen in dem wir nicht nur entspannter und neugieriger durch die Welt gehen, sondern auch in dem wir unsere gewohnten Verhaltensmuster durchbrechen und ändern. Letzten Endes, sollten wir einfach damit aufhören uns in unserer Komfort-Zone einzumauern.

Geh raus, tu etwas, was du sonst nicht tust. Sei es, dass du nur einen anderen Weg von der Arbeit nach Hause nimmst. Wer weiß, welcher glückliche Zufall auf diesem Weg auf dich wartet?

DURCH’S LEBEN FLANIEREN

Wir sollten vielleicht mehr mit der Mentalität eines Flaneurs durch die Welt gehen. Versteh mich nicht falsch, die Fähigkeiten zum fokussierten Arbeiten ist wichtig. Aber alles hat seine Zeit und seinen Ort. Auf der Mikroebene ist Konzentration und die Fähigkeit sich nicht ständig von allem ablenken zu lassen enorm wichtig. Beim Training, beim Schreiben usw. Auf der Makroebene hingegen sollten wir eher mit der Mentalität eines Flaneurs durch unser Leben laufen. Das was da ist zu entdecken und zu sehen ist nicht nur befriedigend, es ermöglicht auch neue Gelegenheiten und Wege zu entdecken, die für uns sonst für immer verborgen bleiben würden.

“Nur wer ohne Absicht und festes Ziel durch die Gegend bummelt, wird sehen, was er sieht und was sich zeigt, anstatt nur das zu sehen, was er gesehen haben muss und was “sehenswürdig” ist”.

(Günther Wohlfahrt, Zhuangzi)

Wenn wir lernen entspannter mit uns selber umzugehen und offenen Auges und Herzens durch die Welt bummeln, brauchen wir die ganzen Ratgeber wahrscheinlich auch nicht mehr. Hier und da mal ein guter Tipp ist sicher wertvoll, aber wir sollten unser Glück nicht von den Methoden anderer abhängig machen.

Bleib in Bewegung, dann kriegen sie dich nicht.

LESEEMPFEHLUNGEN

Statt Ratgebern empfehle ich Bücher zu lesen in denen wirklich grundlegende Sachen vermittelt werden. Aber auch hier gilt: Lesen alleine verändert noch nichts. Wenn du also auf etwas stößt, was du umsetzen, in dein Leben integrieren willst, klapp das Buch zu und mache es. Der Rest des Buches kann warten.

Hier also die Empfehlungen:

  • Nassim Nicholas Taleb, Der schwarze Schwan hat mein Verständnis für Wahrscheinlichkeiten und der falschen Sicherheit des Status Quo grundlegend verändert. Wir können die Zukunft nicht vorhersagen.

  • Gerd Gigerenzer, Risiko, In unserem Alltag sind wir einfach miese Statistiker. Unsere Intuition reicht für einfache Arithmetik, aber kaum für Wahrscheinlichkeiten.

  • Daniel Kahneman, Schnelles Denken, langsames Denken, wie treffen wir Entscheidungen? Wie reagieren wir unter Stress? Wie nehmen wir uns selber wahr? Mein Denken über Glück hat sich stark verändert. Was alles beeinflusst uns? Dieses Buch kann etwas trocken sein (je nachdem was man sonst so gewohnt ist zu lesen) die beschriebenen Experimente hierin und die Schlussfolgerungen sind es aber allemal wert.

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